Platons »Staat«

Platons »Staat«
Von Barbara Sträuli-Eisenbeiss
Warum achtet man ein Gebot oder ein Gesetz? Ist es die Erkenntnis seines hohen Wertes, die Einsicht in seine Notwendigkeit, oder ist es der Druck des Zwangs, das heisst die Furcht vor Entdeckung und Strafe? In Platons »Staat« werden solche empfindlichen Gesinnungsfragen zum Thema Recht und Gerechtigkeit zur Sprache gebracht. Im hier vorgestellten zweiten Teil des Dialogs vermitteln die beiden Brüder Platons, Glaukon und Adeimantos, ein Bild der damaligen Gesellschaft Athens und der allgemein verbreiteten Einstellung zum Begriff Gerechtigkeit. Nach Einschätzung der beiden Männer sieht eine Mehrheit der Bürger in der Gerechtigkeit und im darauf gründenden Gesetz nichts Schönes und Gutes, sondern eine lästige Angelegenheit, die den Menschen in seinem Streben nach Reichtum und Genuss behindert. Wer sich um ein gerechtes Leben und um die Einhaltung von Gesetzen bemühe, der tue es nicht freiwillig, sondern aus Schwäche, genauer gesagt aus Mangel an Kraft zum Unrechttun oder aber im Bestreben, bei den Mitmenschen in gutem Rufe zu stehen. Was Glaukon und Adeimantos in ihrer Rede zum Thema Gerechtigkeit vorbringen, gibt einen Einblick in die charakteristische Argumentationsweise, mit Hilfe deren von jeher hohe Werte herabgewürdigt und Unrecht sowie eigenes Fehlverhalten gerechtfertigt werden.

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